Mühlheim, 20.09.2015

 Taktische Motive im Arsenal des Kadertrainings

 

Vielen Schachspielern genügt es nicht, nur gegen die Figuren zu spielen. Sie wollen auch ihren Kontrahenten hinterm Brett bezwingen und assoziieren das königliche Spiel mit einem Kriegsspiel. Damit befinden sie sich in guter Gesellschaft, denn die Kriegsmetapher durchzieht sich praktisch durch die gesamte Geschichte des königlichen Spiels hindurch.

Man denke nur an die so genannten K&K-Duelle zwischen Garry Kasparow und Anatoly Karopw in den 80er und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts, die zur Zeit des 2. Weltkriegs entstandene und diesen thematisierende „Schachnovelle“ von Stefan Zweig oder die im 6. Jahrhundert angesiedelte persische Geschichte zum Entstehung des „Chatrangs“, in dem sich feindliche Shahs, Wesire, Elefanten, Feldherrn/Pferde, Streitwagen sowie Fußsoldaten gegenüberstehen.  Damals wie heute gilt, dass derjenige den Sieg über die Schlacht davonträgt, wer seine Truppen/Figuren frühzeitig in Stellung gebracht hat (= Eröffnung, welche im letzten Kadertraining im Fokus stand) und diese geschickt einzusetzen vermag, was in dieser Trainingseinheit Hauptgegenstand für die jungen Feldherrn sein sollte. Nach einem kulinarischen Exkurs in die Welt des Gummibärenschachs wartete auf die Kaderteilnehmer/-innen die aus dem Sportunterricht bekannte Form des Zirkeltrainings, bei dem nacheinander verschiedene Stationen in Form von Mattaufgaben in je 2 Minuten absolviert werden mussten. Nach einer allgemeinen Einführung in die unterschiedlichen taktischen Motive wurde anhand der Partie Adams,Edwin Ziegler - Torre Repetto,Carlos (New Orleans 1920) das Waffenarsenal noch durch eine eingehende Untersuchung des Motivs Hinlenkung bzw. Ablenkung erweitert und durch Aufgabenstudium entsprechend flankiert.  

Es ist eher unwahrscheinlich, dass die europäische Antike oder gar die alten Römer mit einer Vorform des königlichen Spiels in Berührung gekommen sind. Kein Geringerer als der große Feldherr Gaius Iulius Caesar soll jedoch, als er 49 v. Chr. mit der Überschreitung des Grenzflusses Rubikon den römischen Bürgerkrieg entfacht hatte, ausgerufen haben: „Iacta alea est.“ – zu Deutsch: Der (die) Würfel ist (sind) geworfen, um damit zum Ausdruck zu bringen: Nun schauen wir mal, wie sie fallen und wie der Krieg ausgeht. Nicht ganz so martialisch durften getreu diesem Motto  auch die Kaderspieler/-innen aus den Bezirken 4 und 5 zum Abschluss gemäß einer Methode des Schulschachkoffers Motive würfeln, die dann mit dem ebenfalls erwürfelten zur Verfügung stehenden Material auf dem Schachbrett erstellt werden sollten. Zur großen Überraschung der beiden Kadertrainer Alexander Kempf und Christopher Overbeck kamen bei dieser anspruchsvollen Transferaufgabe, die das traditionelle Übungsturnier ersetzen sollte, zum Teil großartige schöpferische Aufgaben mit vielen Nuancen heraus, wie etwa folgende zwei Lösungen illustrieren:

Motiv: Hinlenkung. Material: 2 Könige, Dame, Turm, Springer, Bauer (siehe Foto)

 

Motive würfeln
Motive würfeln

 

 

 

Lennarts StellungNellys und Chris Stellung

  

 

a)    Lennarts Stellung (linkes Diagramm)

 

Weiß am Zug gewinnt: 1.c5! Ta4!? [Ein Gegenangriff auf die Dame soll Schwarz Zeit verschaffen, die Verteidigung zu organisieren.]

 

1...Sa4? führt gleich zum Matt 2.Dc8#]

 

2.Df3+ [2.Dg8+ geht auch 2...Ka7 3.Db3 führt zur gleichen Stellung wie in der Hauptvariante.] 2...Ka7 [2...Kb8 Auch hierauf gewinnt Db3 wegen der Fesselung des Springers.]

 

3.Df7+ Kb8 4.Db3+–

 

 

b)   Nellys und Chris Stellung (rechtes Diagramm)

 

Der Nachziehende soll hier das Unentschieden sicherstellen: 1...Ta1+ [Ein Hinlenkungsopfer führt forciert zum Remis.]

 

[1...Tb2+ Auch dieser Zug hält die Stellung im Gleichgewicht, ist aber ambitionierter, da er noch eine kleine Falle aufstellt. 2.Kc1 (2.Ka1?? Sc2#) 2...Tc2+ (2...Tb1+ 3.Kxb1 a2+ 4.Kb2 a1D+ 5.Kxa1 Sc2+=) 3.Kd1 a2 4.Dg5+= nebst Dauerschach]

 

2.Kxa1 Sc2+ 3.Ka2 Sxe3=

 

Am 15. Juni steht der letzte Termin an, an dem wir uns dem Thema Endspiele widmen wollen und an dem alle Interessierten bis einschließlich 12 Jahren teilnehmen können. Weitere Infos unter http://www.main-vogelsberg-schachverband.de/component/tags/tag/kader.

 

 

Christopher Overbeck, 2. Vorsitzender der MVSJ